
„Danach war ich emotional ausgebrannt“Martin Haller war Chefaufklärer der Flutkatastrophe im Ahrtal. Als Vorsitzender des U-Ausschusses ist der Pfälzer SPD-Abgeordnete tief in die Abläufe um den 14. Juli 2021 eingestiegen. Drei Monate nach dem Abschlussbericht fährt er mit RHEINPFALZ-Korrespondentin Karin Dauscher ins Ahrtal. Wie blickt er auf die Region und auf seine Arbeit? Der Campingplatz Stahlhütte ist ein Ort der Apokalypse. Am 14. Juli 2021 sind dort gegen 17 Uhr die ersten Menschen in den Fluten der Ahr ertrunken. Eine bettlägerige Frau, die zu den 44 Menschen gehörte, die laut Platzbetreiber fest auf dem Campingplatz wohnten. Und die 19-jährige Katharina, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, die der Frau beistehen und mit ihr auf Retter warten wollte. Aber das Wasser riss den Wohnwagen mit sich. Bis zu den frühen Morgenstunden hatte die Flutwelle im Ahrtal 135 Menschenleben gefordert. Erinnerungen an die Zeugenaussagen vor dem Untersuchungsausschuss im Plenarsaal des Landtags werden wach. „Das war für mich eine der schwersten Sitzungen. Danach war ich emotional ausgebrannt.“ Gemeint sind die Vernehmungen vom 13. Mai 2022. „Ich bin spätnachts im Auto heulend nach Hause gefahren“, erinnert sich Haller auf der Brücke. Darunter fließt die Ahr, junge Uferbäume spiegeln sich im Wasser. Es sind die Schilderungen von ehrenamtlichen Feuerwehrleuten. Wie die Tür des Wohnwagens zuflog, wie die Leichen sechs Kilometer ahrabwärts gefunden wurden. Dass der Vater der Feuerwehrfrau mit im Einsatz war. Es sind aber auch die Schilderungen der Besatzung eines Rettungshubschraubers, an die Haller erinnert. Sie haben zusammen mit den Feuerwehrleuten Menschenleben gerettet, auch fünf Personen, die vom Wasser bereits eingeschlossen waren. Ohne Seilwinde improvisierten sie mit Feuerwehrgurten. Für den Fall, dass sich jemand verhakt hätte, hielten sie Messer bereit. Sie hätten den Gurt kappen müssen, um einen Hubschrauberabsturz zu verhindern. Wissend, was das für die Menschen unten bedeutet hätte. Das Ahrtal kennt Haller schon lange. „Hier wohnen enge Freunde von uns, deshalb waren wir immer in der Region und auch im Ahrtal unterwegs“, sagt er, während wir Richtung Schuld fahren. Vorbei an Orten, die aus vielen Sitzungen des U-Ausschusses vertraut klingen. Müsch zum Beispiel. Der Pegel Müsch, der in der Flutnacht abgerissen war, spielte immer wieder eine Rolle bei der Frage, ob die Katastrophe nicht vorhersehbar war und wo die politische Verantwortung lag. Müsch ist wieder nett anzusehen. Die Lachsräucherei, an der wir vorbeifahren, ist laut Haller eine der besten im Land. „Als Pfälzer hat man ein Feeling für regionale Identitäten. Man hat schon gemerkt, das ist eine schöne Region mit einem besonderen Menschenschlag.“ Seit der Arbeit im U-Ausschuss bezeichnet er die Ahrtalerinnen und Ahrtaler auch als „zähe Kämpfer“. Das Hotel Schäfer oberhalb der Gemeinde Schuld wirbt mit seinem Blick auf die Ahr. Wir schauen nach unten. „Da ist aber noch viel zu tun“, entfährt es Haller. Sechs Häuser hat die Flut mitgerissen. Aus der Brachfläche ist ein Baustofflager geworden. Im Dezember 2021 stand Haller dort im Matsch und eröffnete die erste Sitzung des U-Ausschusses. Zweimal tagten die elf Abgeordneten im Ahrtal, die meisten der 300 Stunden verbrachten sie im Plenarsaal im Mainzer Landtag. Ein häufig abgedrucktes Foto zeigt Haller in Schuld mit sehr entschlossenem Blick. „Dabei war ich nervös und unsicher“, räumt er drei Jahre später ein, zumal fast zwei Dutzend Journalisten vor Ort waren. „Es war nicht einfach, sich durch die Katastrophe durchzubewegen und eine Sitzung zu leiten.“ Es hätte eine dunkle Stunde des Parlaments werden können, sagt Haller. Anders als bei vorausgegangenen U-Ausschüssen ging es nicht um Geld oder Verträge. Es ging um Menschenleben. Von vornherein hat der Vorsitzende auf eine angemessene Tonlage geachtet. Auf Respekt gegenüber den 260 Zeugen, viele davon Betroffene. Zugelassen hat er nur offene Fragen. Warum das Politikern schwerfällt, erklärt er aus eigener Erfahrung. Sie sind bei allem, was sie äußern, gewohnt, dass sie ihre politische Botschaft nach außen tragen. Meinungen werden gerne in Fragen verpackt. „All das funktioniert in einem U-Ausschuss nicht“, sagt Haller, während wir Richtung Altenbrück und Altenahr weiterfahren. „Ein Untersuchungsausschuss ist eine demokratische Urgewalt.“ Es sei nicht vorhersehbar, was Zeugen antworten, welche Dynamik sich entwickle. All das diene der politischen Hygiene. Und darin sieht Haller die große Stärke unseres politischen Systems im Vergleich zu autoritären Staaten. Vor dem U-Ausschuss sind Narrative der Landesregierung zu Warnungen und zu Lagebildern in der Flutnacht in sich zusammengestürzt. In der Folge trat die damalige rheinland-pfälzische Umweltministerin und spätere Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne) zurück, ebenso Innenminister Roger Lewentz (SPD). Der Ausschuss hat öffentlich gemacht, dass der damalige Landrat Jürgen Pföhler (CDU) nicht da war, als es auf ihn angekommen wäre. Er flüchtete sich später in den Ruhestand. „Wenn die Erwartung war, Wunden zu heilen, dann konnten wir sie nicht erfüllen, aber vielleicht konnten wir zur Linderung beitragen“, sagt Haller. In Altenbrück wird gerade ein Haus neben dem anderen wieder neu aufgebaut. Die dunklen Steilwände lassen an dieser Stelle die Enge des Tals erkennen, in dem sich damals das Wasser staute. Und doch hat Haller großes Verständnis dafür, dass die Leute im Tal bleiben, dass sie in ihrer Heimat den Neuanfang wagen. In Altenahr stehen Gebäude, die seit dem Einsatz der vielen ehrenamtlichen Fluthelfer unverändert verlassen sind neben restaurierten oder neu aufgebauten Restaurants und Hotels. Ein Banner an einem Balkon zeigt die Entschlossenheit der Kommunalpolitik: „Wir bauen unser Rathaus wieder auf.“ Gegenüber im Haus Caspary kehren wir ein. Das gemütliche Bistro aus Holz und Glas hat im Juli eröffnet. Ein Weihnachtsbaum steht davor, die Suppe schmeckt gut. Der Himmel ist immer noch grau, aber weniger garstig. „Es wird wieder schön, aber es dauert“, sagt Haller beim Rückweg zum Auto.
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